Honig

Schon in den Uranfängen der Menschheitsgeschichte war der Honig als einziger damals erreichbarer Süsstoff eine notwendige Ergänzung der Nahrung unserer Vorfahren. Die Kostbarkeit ergab sich daraus, dass er schwer zu finden und zu gewinnen war, denn die Nester der Bienen befanden sich in schwer zugänglichen Felsspalten oder im oberen Stammteil hoher Bäume.
Jahrhundertelang war der Genuss von Honig nur bei festlichen Gelegenheiten erlaubt, zeitweilig und in bestimmten Gegenden nur höchsten Persönlichkeiten vorbehalten oder anderswo nur für Kranke und Säuglinge reserviert. Honig war so kostbar wie Salz und jahrhundertelang wichtiger Handelsartikel. In vielen Ländern der Erde wurden die ersten Steuern in Form von Honig entrichtet. Die Gewinnung des Honigs geschah unter feierlichem Zeremoniell und war in vielen Völkern eine Geheimwissenschaft. Da die Biene als Symbol der Keuschheit verehrt wurde, galt auch der Honig als göttliche Speise und fand Eingang in viele Mythen und Bräuche. Er spielte bei der Geburt eines Kindes, bei Hochzeitszeremonien und im Totenkult eine grosse Rolle. Es haben sich auch Sagen und Märchen um den Honig gerankt.
Die wichtigste Rolle spielte der Honig aber in der Volksmedizin. Schon die Ärzte des Altertums heilten eine Vielzahl von Krankheiten mit Honig, teils in reiner Form, teils gemischt mit Kräutern und anderen Stoffen, teils innerlich, teils auch äußerlich angewendet. Die in Jahren gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse, die zu dieser hervorragenden Stellung des Honigs geführt haben, können heute in den meisten Fallen medizinisch erklärt werden. Das Zu-sammenwirken verschiedener Inhaltsstoffe, z. T. nur in kleinen Mengen, aber guter Kombination vorhanden, macht den Honig so bedeutungsvoll. Die optimale Zeit der Honig-Anwendung ist in vielen Fallen die Zeit zwischen voller Gesundheit und sich anbahnender Krankheit. Honig ist durch den hohen Gehalt an Monosacchariden (Einfachzuckern), die dem Körper nahezu ohne Verdauungsarbeit zur Verfügung stehen, ein schneller Energielieferant. Glucose ist schon wenige Minuten nach der Aufnahme im Blut nachweisbar. Fructose wird erst als Glykogen (Leberstärke) in der Leber gespeichert und bei Bedarf in Form von Traubenzucker dem Blut zur Verfügung gestellt. Dabei werden noch andere stofte frei (Milchsäure, Benztraubensäure, organisches Phosphat), die die Herztätigkeit anregen. Der Einbau des Glykogens in die Leber und die spätere Mobilisation werden durch Acetylcholin, den sog. Glykutilfaktor, gefordert, ebenso wie der Einbau von Glykogen in die Muskeln (Muskelstärke). Das Acetylcholin beeinflußt das parasympathische Nervensystem, indem es «auf Spargang schaltet». Der Blutdruck wird gesenkt, Muskelglykogen in den Herzmuskel eingebaut. Das Herz kann ruhig und kraftvoll viel Blut in die erweiterten Gefässe pumpen. Das bewirkt eine bessere Durchblutung und Versorgung aller Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen. Ruhe und Entspannung ist die Folge. Glykogenmangel in der Leber führt zu einer Schädigung der Leberzellen durch Fetteinlagerung. Cholin und Methionin, sogenannte lipotrope Stoffe, verhindern das. Honig enthält etwas Cholin. So fuhrt Honig nicht nur der Leber den wertvollen Fruchtzucker zum Umbau in Glykogen zu, sondern hat mit dem Cholin auch eine leberschützende Wirkung. Honig ist nicht nur nützlich, um bei körperlicher Beanspruchung schnell Energie zu liefern, sondern auch bedeutsam bei der Bewältigung von fieberhaften Erkrankungen, bei denen der Körper bei verminderter Verdauungstätigkeit und Appetitlosigkeit Energie benötigt. Gleichzeitig erfolgt eine Anregung des Herzens, bessere Versorgung der Organe, Entgiftung von schädlichen Stoftwechselprodukten durch die gut mit Fructose versorgte Leber und schließlich bis zu einem gewissen Grade auch die Bekämpfung der Bakterien selbst aufgrund der bakteriostatischen bzw. bakteriziden Wirkung des Honigs. Das Enzym Glukoseoxidase, das aus den Kopfdrüsen der Bienen stammt, oxidiert ständig einen geringen Teil der Glucose bei Anwesenheit von Sauerstoff und Wasser zu Gluconolacton, aus dem durch Hydrolyse Glucon-säure hervorgeht. Als Nebenprodukt entsteht Wasserstoffperoxid (H2O2) das im Moment seiner Entstehung die höchste bakterienhemmende bzw. -bakterientötende Wirkung besitzt (Inhibinwirkung). - Honig fördert durch den Gehalt an Mineralstoffen, die am Aufbau des Blutfarbstoffes beteiligt sind (Eisen, Mangan, Kobalt), die Blutbildung uun ist auch in dieser Hinsicht für die Wiederherstellung der vollen Gesundheit bedeutungsvoll. Das zuckerspaltende Enzym Saccharase, das auch in der Darmwand des Menschen produziert wird, reicht bei kranken und älteren Menschen manchmal nicht mehr aus, aufgenommenen Rohrzucker zu spalten. Honig Kann diesen Prozess erheblich unterstutzen. Das Enzym wird durch die Verdauungssäfte kaum angegriffen, weil die Säurebildung ebenfalls nachlässt. Äusserlich angewendet kommt dem Honig eine weitere Bedeutung zu. Glucose hat einen starken osmotischen Druck und erzeugt deshalb im Gewebe einen lebhaften Säftestrom. Die hochkonzentrierte Invertzuckerlösung, die den Honig hygroskopisch macht, zieht Gewebeflüssigkeit aus der Tiefe der Wunde uud schwemmt zugleich Schmutz, Eiter, Bakterien und Bakteriengifte heraus. Die Bakterien werden durch das gebildete Wasserstoffperoxid zugleich ± unschädlich gemacht. Die Wirkung der Honige auf die verschiedenen Bakterienarten ist generell unterschiedlich und variiert auch stark bei den verschiedenen Honigsorten. - Honig macht die Haut samtweich und zart, er ist deshalb in vielen Schönheitsmitteln enthalten (bessere Durchblutung, reinigende und bakterizide Wirkung). - Die hohe Zuckerkonzentration in Verbindung mit dem Vermögen, das Wachstum von Bakterien und einigen Pilzen zu verhindern, macht Honig zu einem seit jahrtausenden bekannten Konservierungsmittel. Mediziner in Tbilissi stellten fest, dass Knochengewebe, Sehnen, Nervenfasern u.a. für Transplantate nach Aufbewahrung in Honiglösung komplikationslos verwachsen. Gärtner geben an, dass Steckreiser, die 24 h in einer Honiglösung stehen, besser anwachsen als unbehandelte. Die genannten Eigenschaften des Honigs, die ihn medizinisch interessant machen, dürfen nicht dazu verleiten, ihn als Allheilmittel einzuschätzen. Die Inhaltsstoffe, die allein relativ wenig bewirken können, machen in der günstigen Kombination u. Wechselwirkung den Wert des Honigs aus. Die Verschiedenheit der Honige aber erschwert die exakte Einschätzung der medizinischen Wirkungen und wiederholbare Erfolge.